Gedanken zum 19. Sonntag im Lesejahr C (Lk 12,32-48)

„Seid wie Menschen, die auf die Rückkehr ihres Herrn warten.“

Liebe Schwestern und Brüder

Eine Realität des Lebens ist das Warten; das Warten darauf, dass jemand kommt, dass etwas passiert, dass sich etwas ändert. Eine andere Realität ist die Tatsache, dass die meisten von uns nicht gerne warten. Wir suchen nach einer kurzen Warteschlange im Supermarkt oder auf der Bank. Wir werden ungeduldig, sogar wütend, wenn wir auf einen Handwerker oder einen Kellner warten, der langsam oder unaufmerksam ist.

Manchmal scheint es, dass das Leben aus nichts anderem als Warten besteht. Als Kinder warten wir auf Weihnachten, die Sommerferien und darauf, erwachsen zu werden. Als Erwachsene warten wir auf den richtigen Job, auf die besondere Person, die das Leben komplett macht, auf eine berufliche Beförderung, auf den Ruhestand.

Manche Menschen warten auf eine Diagnose, andere auf eine Heilung. Manche warten auf den Tag, an dem der Schmerz aufhört und der Kummer ein Ende hat. Andere warten darauf, dass ihre Gebete erhört werden. Viele von uns warten auf den Tag, an dem wir genug Zeit, genug Geld, genug Freiheit haben, und auf den Tag, an dem wir glücklich und zufrieden leben können.

Viele warten auf Versöhnung und die Lösung von Konflikten. Manchmal scheint es, dass die Welt seit Anbeginn der Schöpfung auf Frieden und das Ende von Krieg, Hunger und Armut wartet. In gewisser Weise findet das Warten jeden Tag statt. Jeder von uns könnte die Dinge oder Menschen aufzählen, auf die er wartet. 

Jeder Mensch, überall, in jedem Zeitalter wartet. Jesus schließt das Warten nicht aus. Er sagt der Menge: „Seid wie Menschen, die auf die Rückkehr ihres Herrn warten.“ Im heutigen Evangelium geht es jedoch nicht einfach darum, die Zeit zu vertreiben. Es geht um Gegenwärtigkeit. Für Jesus ist das Warten ein Akt der Treue; die Gewissheit der Erfüllung dessen, was man erhofft, die Überzeugung dessen, was man nicht sieht.

Wir irren uns also, wenn wir glauben, dass das heutige Evangelium einen abwesenden Gott beschreibt, einen Gott, der vor einiger Zeit gegangen ist und auf den wir warten. Ebenso irren wir uns, wenn wir meinen, wir warten auf einen Gott, der für die Zukunft lebt.

Jesus lehrt uns, wie und wo wir warten können. Er lädt uns ein, für denjenigen da zu sein, der immer schon da ist. Er lädt uns ein, auf das Klopfen zu hören, zu beobachten und wachsam zu sein. Er lädt uns ein, der Gegenwart Gottes im anderen, in der Welt und in uns selbst bewusst zu sein. Dies ist der Gott, der in den gewöhnlichen Umständen unseres Lebens gegenwärtig ist, sogar in unserem Warten.

Aber dieses Warten ist keine Bedrohung durch Strafe. Es ist eine Einladung, gesegnet zu werden. „Gesegnet sind die, die er wach findet.“ Jesus fordert uns nicht nur auf, wach zu sein, bereit zu sein und wachsam zu sein. Er ruft uns auf, ganz aufmerksam zu sein. Segen und Leben sind in Gottes Reich gleichbedeutend. Es ist, als ob Jesus zu uns sagt: Seid wachsam, seid gesegnet, und ich werde kommen und euch dienen. Ich werde euch mit dem Brot des Lebens speisen. Ich werde euch den Kelch des Heils reichen. Amen.