Gedanken zum 27. Sonntag B (Mk 10, 2-16)

Liebe Schwestern und Brüder

„Darf ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen?“ Das heutige Evangelium ist schwierig, weil es oft zu einem bedrückenden Text wird, wenn es aus dem Zusammenhang genommen wird. Dennoch glaube ich, dass es sehr wichtig ist, dass wir mit harten, schwierigen Passagen in der Schrift treu umgehen und sie nicht meiden.

Ich vermute, dass jeder von uns jemanden kennt, der geschieden ist oder von einer Scheidung betroffen war. Scheidung ist eine Frage, die uns alle betrifft. Einige von uns haben in ihrem eigenen Leben und in ihren Ehen damit zu tun gehabt. Einige von uns haben den Schmerz der Scheidung ihrer Eltern oder ihrer Kinder erlebt. Sie ist eine Realität in unserem Leben und in unserer Welt. Manchmal ist eine Scheidung notwendig. Andere Male kommt sie zu schnell und zu leicht, eine Flucht vor der harten Arbeit einer Beziehung. In jedem Fall ist sie eine geistige und emotionale Tragödie mit tiefgreifenden und dauerhaften Folgen für alle Beteiligten.

Die Frage der Pharisäer ist jedoch keine pastorale Frage. Es ist eine rechtliche Frage, eine Prüfung. Im Palästina des ersten Jahrhunderts war die Ehe eine Vereinbarung zwischen Familien, nicht eine Entscheidung zwischen Einzelpersonen. Deswegen war die Heirat keine Sache sich zu „verlieben“. Vielmehr ging es darum, „die eigenen Eltern zu ehren“.

Bei ihrer Frage geht es den Pharisäern nicht um eine Frau in einer missbräuchlichen oder gefährlichen Situation. Sie fragen nicht nach einem jungen Paar, das aus Illusion, Unreife oder Naivität einen Fehler bei der Entscheidung für die Ehe gemacht hat. Sie haben es nicht mit einer Ehe zu tun, die geistich tot ist, die nicht nur lebensunfähig, sondern zerstörerisch ist. Sie machen sich keine Sorgen um das geistige oder emotionale Wohlergehen des Paares. Ihre Sorge gilt Jesus. Sie schmiedeten einen Plan, „wie sie ihn vernichten könnten“ (Mk 3,6), seit er und sein Jünger das Gesetz gebrochen hatten, indem sie am Sabbat Getreide pflückten (Mk 2,23-24) und heilten (Mk 3,1-5).

Die Pharisäer kennen bereits die Antwort auf die Frage, die sie stellen. „Mose hat erlaubt, eine Scheidungsurkunde auszustellen und (die Frau) aus der Ehe zu entlassen,“ antworten sie Jesus. Zu ihrer Zeit waren Ehe und Scheidung das Vorrecht der Männer. Frauen heirateten nicht und ließen sich nicht scheiden. Sie waren die Objekte und manchmal auch die Opfer von Heirat und Scheidung.

Den Pharisäern geht es nicht wirklich um die Ehe oder die Scheidung. Sie sind mehr an der Antwort von Jesus interessiert. Sie stellen Jesus auf die Probe. Wird er das Gesetz des Mose befolgen oder ablehnen? Das ist der Kontext des heutigen Evangeliums. Das ist der Kontext für die Worte Jesu, und es sind keine einfachen Worte. Dieser Kontext ist jedoch kein Grund, das, was Jesus sagt, zu verwerfen oder zu relativieren, vielmehr ein Grund, seine Worte ernst zu nehmen und sie mit Bedacht anzuwenden, damit wir nicht so werden wie die Pharisäer.

Jesus nimmt das Gesetz des Mose weder an noch lehnt er es ab. Er interpretiert es neu und vertieft es. Bei Ehe und Scheidung geht es nicht um Geschäfte, sondern um Beziehungen, Menschen und Gott. Jesus erkennt das Gesetz des Mose als das an, was es ist: ein Zugeständnis an die Herzenshärte.

Scheidungen kommen vor. Die Pharisäer wissen das. Und Jesus weiß das auch. Trotzdem ist es Gottes Absicht, dass Mann und Frau ein Fleisch werden, dass niemand sie trennen soll. Die Heilige Schrift und die Kirche sehen in der Ehe von Mann und Frau die Einheit Gottes und die Verbindung zwischen Gott und Mensch. Das ist der Grund, warum eine Scheidung geistich so schmerzhaft ist und warum Jesus in seinen Worten so eng und absolut erscheint. Für die Pharisäer geht es um den Zustand des Gesetzes. Für Jesus geht es um den Zustand des eigenen Herzens. In dieser Hinsicht ist die Scheidung nicht auf verheiratete Personen beschränkt. Die Ehescheidung ist ein Thema für jeden, unabhängig von seinem Familienstand.

Scheidungen kommen in allen Beziehungen vor, in denen wir oder andere hartherzig geworden sind. Herzenshärte ist nicht nur ein eheliches Problem. Sie ist ein spirituelles Problem. Sie trennt die Menschheit von der Gottheit. Sie trennt Ehemänner und Ehefrauen, Eltern und Kinder, Brüder und Schwestern, Liberale und Konservative, Schwarze und Weiße, Reiche und Arme, Christen und Muslime, Palästinenser und Israelis. Hartherzigkeit bedeutet nicht nur, dass es Unterschiede gibt. Es geht darum, dass man Egoistisch ist und glaubt den anderen nicht zu brauchen.

Scheidung ist ein Symptom für eine Herzkrankheit. Überall dort, wo es zu Spaltungen und Trennungen kommt, gibt es Härte im Herzen, im eigenen oder im Herzen eines anderen. Das ist der Grund, warum die Pharisäer überhaupt ihre Frage stellen konnten, um Jesus zu prüfen. Noch bevor eine Scheidung zwischen uns stattfindet, geschieht sie in uns. Wir beginnen, ein isoliertes, verschlossenes und fragmentiertes Leben zu führen. Wir werden ängstlich, defensiv und einsam.

Wir alle können Gründe für die vielen Scheidungen nennen. Wir können die Kämpfe, den Schmerz, die Angst, den Missbrauch, die Unvereinbarkeit,  die Selbstsucht, die Unverantwortlichkeit, die unterschiedlichen Meinungen, Werte und Träume beschreiben. Wir können die Misserfolge und Enttäuschungen benennen. Wir können uns daran erinnern, was sie gesagt oder was er getan hat. Sie sind real, aber sie rechtfertigen nur die Rechtmäßigkeit unserer Scheidung. Die Gründe lassen uns nicht los. Sie bieten weder Leben noch Heilung, sondern nur Überleben.

Liebe Schwestern und Brüder, wenn wir unser Herz untersuchen und erweichen, entdecken wir, dass wir „ein Fleisch“ mit Gott geworden sind. Gott hat uns mit sich selbst verbunden und niemand kann trennen, was Gott zusammengefügt hat. Es gibt keine Scheidung, die uns von der Liebe, der Existenz und der Gegenwart Gottes trennen kann. Die göttliche Gnade erfüllt alle unsere Beziehungen. Sie vertieft unsere Dankbarkeit und Freude in den Beziehungen, die am intimsten und lebensspendend sind. Sie gibt uns Mut und Ausdauer, an den Beziehungen zu arbeiten, die zerbrochen sind. Sie bietet uns Weisheit und Kraft, wenn es notwendig ist, ein heiliges Leben getrennt von anderen zu finden.

Die Herausforderung des heutigen Evangeliums ist weder die Ehe noch die Scheidung. Wir müssen unser eigenes Herz prüfen, offen und verletzlich sein und bereit sein, uns zu verändern und verändert zu werden. Amen.