Gedanken zum 4. Ostersonntag Lesejahr A (Joh 10:1-15)

„Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben, und es in Fülle haben“ (Joh 10:10).

Liebe Schwestern und Brüder, den heutigen Sonntag nennt die Kirche den Sonntag vom ‚Guten Hirten‘ – nach dem Evangelium des guten Hirten. Und die Lesungen dieses Sonntags helfen uns, über die in Jesus sichtbar gewordene ‚pastorale‘ Liebe Gottes nachzudenken und zu beten für geistliche Berufe – um solche guten Hirten. Jesus sagt heute: „Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden.“, dann ergänzt der Evangelist: „Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus, aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte“ (Joh 10:6).

Ist Ihnen das je passiert? Haben Sie schon einmal der Lesung des Evangeliums zugehört und sich dann gesagt: „Wo von redet er da?“ Haben Sie jemals etwas aus der heiligen Schrift gelesen und sich gefragt: „Was bedeutet das?“ Das habe ich und tue ich immer noch. Fast jede Woche, wenn ich das Sonntagsevangelium lese, konfrontiere ich die Frage: „Wie trifft das auf mein Leben zu?“ Das Evangelium dieser Woche war fast noch schwieriger. Schafe und Hirten, Tür und Türhüter, Dieb und Räuber, Stimme, Leben im Fülle. Was hat das alles zu bedeuten? Da gibt es seltsame Analogie und gemischte Metaphern, also oft doppelte Bedeutungen.

Am Anfang des heutigen Evangeliums klingt es so, als ob Jesus andeuten wollte, dass er der Hirte ist, der durch die Tür geht, im Gegensatz zu den Dieben und Räubern, die über den Zaun springen. Die Schafe, sagt er, hören auf die Stimme des Hirten und folgen ihm, laufen aber weg vor der Stimme des Fremden. Aber dann später sagt Jesus, dass er die Tür ist. Er ist also der Hirte, der durch die Tür geht, und so gleich ist er auch die Tür, durch die der Hirte geht? Und dann sagt er, dass wir durch ihn eintreten können – damit wir das Leben haben und es in Fülle haben.

Brauchen wir einen guten Hirten? Ja, wir brauchen ihn. Denn wir sind weder ein wilder Löwe noch ein mächtiger Ochse oder ein rissiger Elefant. Der Vergleich mit einem Schaf ist durchaus angebracht, weil wir hilflos sind. Wir haben keine langen Beine, die uns helfen könnten, der Sünde und der Versuchung zu entkommen. Deshalb brauchen wir einen Hirten, wir brauchen jemanden, der uns beschützt, und dieser Hirte ist Jesus.

Das heutige Evangelium besagt eindeutig, dass Jesus eine „Redensart“ verwendet hat. Dieser Text darf nicht wörtlich genommen werden. Er macht keinen Sinn. Der rationale, logische, intellektuelle Verstand kann solche Redewendung nicht verstehen. Die Redewendung weist über sich selbst hinaus, in diesem Fall auf das Leben in Fülle. Eine Redewendung fordert uns auf, anders zu denken, anders zu sehen und anders zuzuhören.

Beginnen wir mit einem Leben in Fülle. Das, sagt Jesus, ist der Grund, warum er gekommen ist; damit wir „das Leben haben und es in Fülle haben“. Was bedeutet das? Wo ist das Leben in Fülle vorhanden? Und in welcher Hinsicht ist es weniger als reichlich? Denken Sie jedoch daran, dass Fülle nicht etwas ist, das wir bekommen können. Es ist eine Art zu leben und zu sein.

Beim Leben in Fülle geht es nicht um Quantität, Reichtum, Erfolg, Anerkennung, Popularität, Sicherheit, die Nummer eins zu sein oder um eines der anderen erstrebenswerten Dinge. Nein, das Leben in Fülle bedeutet, das göttliche Leben zu berühren und anzunehmen. Es ist eine Qualität, keine Quantität. Es geht um Sinn, Integrität, Zweck, Kreativität, Beziehung und Ganzheit. Das Leben in Fülle trägt zum Leben der anderen und der ganzen Schöpfung bei.

Es ist das Leben, das zum Leben führt; Liebe, die zur Liebe führt; Freude, die zur Freude führt; Hoffnung, die zur Hoffnung führt; Güte, die zur Güte führt; Großzügigkeit, die zur Großzügigkeit führt; Schönheit, die zur Schönheit führt und Dankbarkeit, die zur Dankbarkeit führt. Es trägt nicht zum Schmerz der Welt bei, sondern ergänzt und bereichert das Leben, unser eigenes wie auch das der anderen.

Wer ist der Hirte? Die offensichtliche Antwort ist Jesus. Jesus behauptet im Evangelium: „Ich bin der gute Hirte“ (Joh 10:11). Aber ist das die einzige Antwort? Könnte es noch andere Hirten geben? Psalm 23 sagt: „Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen.“ Er führt, er leitet, er beschützt, er weidet. Und das ist es, was Jesus tut, er hütet uns. Er beschützt uns, indem er sein Wort gibt, das uns vor den Angriffen der Bösen verteidigt. Er ist der Hirte unserer Seelen, also ist er derjenige, der mit uns durch das Tal des Todesschattens geht. Seine Stimme spricht Worte des Friedens, die uns an seine Verheißungen erinnern. Und obwohl er Milliarden von Schafen auf der ganzen Welt hat, kennt er jedes einzelne von uns beim Namen.

Was ist mit diesen Dieben und Räubern? Jesus warnt uns nicht davor, dass uns unsere Dinge gestohlen werden, sondern davor, dass unser Leben gestohlen und unsere Fülle ausgebeutet wird.

Die Diebe kommen heimlich. Oft wissen wir erst später, dass sie hier gewesen sind. Sie kommen in der Nacht, wenn wir schlafen und uns dessen nicht bewusst sind. Dann wachen wir eines Tages auf und fragen uns, was mit unserem Leben geschehen ist. Unser Leben ist ein Chaos und wir wissen nicht, wann und wie es passiert ist. Wo ist unser Leben geblieben? Vielleicht nahmen wir eine Beziehung als selbstverständlich hin, vielleicht zögerten wir, vielleicht fühlten wir uns zu wohl, vielleicht waren wir zu beschäftigt oder besorgt, vielleicht gaben wir einfach auf, vielleicht öffneten wir unser Herz für die falsche Person oder Sache.

Die Räuber hingegen sind übermächtig. Sie kommen bei Tageslicht. Sie versuchen nicht einmal, sich zu verstecken. Wir wissen, wann sie hier sind und wann wir ausgeraubt werden. Es sind die Zeiten, in denen wir wissen, dass unser Leben weniger ist, wir erkennen die destruktiven Elemente und Verhaltensweisen, wir wissen, dass es eine bessere und andere Wahl zu treffen gibt, aber wir gehen den gleichen Weg weiter. Es ist das Hinfallen und die Weigerung, wieder aufzustehen. Wir erkennen unsere Zerbrechlichkeit an und weigern uns, um Hilfe zu bitten. Wir stellen unsere Abneigung und Wut über die Vergebung. Man fühlt den Schmerz, verweigert aber die Behandlung. Wer oder was sind die Diebe und Räuber in unserem Leben? 

Das Leben in Fülle ist immer eine Herzensangelegenheit. Wir sind die Wächter unseres Lebens. Wir sind die Hüter und Wächter unseres Herzens. Manchmal müssen wir die Tür öffnen und manchmal müssen wir die Tür unseres Lebens geschlossen halten. Wenn wir auf das Leben zurückblicken, können wir das sehen. Die Tür in unserem Leben sind Orte der Schwelle, Zeiten der Unterscheidung, Momente des Übergangs und Entscheidungen, die zu treffen sind. Wir müssen diese Entscheidungen nicht allein oder isoliert treffen. Jesus sagte: „Ich bin die Tür“. Er ist die Tür, die sich öffnet und zu den Weiden des Lebens in Fülle führt, und er ist die Tür, die dem Tod entgegensteht. Wir öffnen oder schließen sie zusammen mit Jesus. „Die Schafe folgen, weil sie seine Stimme kennen“. 

Auf welche Stimmen hören wir? Die Stimmen, denen wir zuhören, formen und gestalten unser Leben im Laufe unserer Lebenszeit. Und es gibt eine Unzahl von Stimmen in unserer Welt. Auf Gedeih und Verderb beginnen wir mit der Stimme zu sprechen, die unser Leben geformt und gestaltet hat. Sind wir bereit die Stimme Jesu zu hören? Sie ist die Stimme der Weisheit, des Lebens, der Liebe, des Mitgefühls, der Schönheit, der Großzügigkeit, der Hoffnung, der Freude.

Schließlich, der Gute Hirte geht vor uns her, um den Weg vorzubereiten, was bedeutet, dass es keinen Ort gibt, den wir begehen, an dem der Hirte nicht schon gewesen ist. Er hat bereits dafür gesorgt, dass der Weg klar und sicher ist. Es mag Schwierigkeiten, Pannen und Kämpfe geben, aber der Gute Hirte hat diese bereits gesehen und weiß, wie er uns helfen kann, diese gut zu überwinden. Er hat bereits einen Weg vorbereitet, auf dem wir durchkommen können. Alles, was wir tun müssen, ist weiterhin auf seine Stimme zu hören. Die Stimme des Hirten geht vor uns her. Amen.

Suandei nus per plascher sin: