Gedanken zum 2. Ostersonntag Lesejahr A

Liebe Schwestern und Brüder,

Das heutige Evangelium beginnt mit diesen Worten: „Am Abend dieses ersten Tages…“. Es war der Ostersonntag – der erste Tag der Woche. Die Jünger waren hinter verschlossenen Türen. Sie haben Angst vor allem, was auf der anderen Seite dieser Türen liegt: Angst vor den Kräften, die Jesus getötet haben, Angst vor der Welt da draußen, Angst vor ihrer ungewissen Zukunft, Angst um ihr Leben.

Plötzlich kam Jesus und stellte sich zu ihnen. Sein Gruß an sie war „Friede sei mit euch“. Es ist eine Einladung an die Apostel, Ruhe zu bewahren. Nachdem er ihnen seine Wunden gezeigt hat, sagt Jesus noch einmal: „Friede sei mit euch“. Er zeigt ihnen seine Wunden, um ihnen zu beweisen, dass er es ist, der Gekreuzigte, der lebt und mit ihnen ist.

Aber er zeigt ihnen auch seine Wunden, weil sie die erschreckende Wahrheit über die Zukunft der Aposteln offenbaren. Der Leib Christi ist zwar auferstanden, aber er ist immer verwundet. Immer trägt der Leib die Zeichen des Leidens und des Todes. Was für Jesus gilt, wird auch für diejenigen gelten, die seinen Namen tragen, auch sie werden verwundet werden und die Gewalt und den Schmerz der Welt in ihrem Leib tragen, dem Leib Christi, der Gemeinschaft des Glaubens, der Kirche.

In dieser Begegnung zwischen Jesus und den Aposteln folgt dann die Beauftragung. Jesus sendet sie als Apostel aus, als Verkünder der Guten Nachricht. Apostel gehen nicht allein auf diese Mission. Jesus geht mit ihnen. Der Geist des auferstandenen Herrn geht mit ihnen. „Er hauchte sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist.“ (Joh 20:22). Das hebräische Wort für Atem (Ruah) bedeutet auch Geist. So wie Gott Adam Leben einhauchte (Gen 2:7), haucht Jesus ihnen seinen Geist ein.

Als Teil des Auftrags gibt Jesus den Aposteln die Vollmacht, Sünden zu vergeben – eine Aufgabe, die im Alten Testament als alleiniges Vorrecht Gottes galt. Wegen dieses einzigartigen Privilegs, das den Priestern in der Kirche verliehen wurde, wollte Papst Johannes Paul II. diesen Sonntag als Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit feiern – in Erinnerung an die Einsetzung des Sakraments der Versöhnung.

Als Jesus zum ersten Mal nach seiner Auferstehung in die Mitte seiner Jünger tritt, da ist Thomas nicht dabei. Thomas war der fehlende Apostel, der abwesende Apostel. Da er nicht Teil der Gemeinschaft war, verpasste er die Erfahrung der Auferstehung. Er muss warten. Vielleicht ist das die Bedeutung der gläubigen Gemeinschaft (der Kirche) in unserem eigenen Leben: Wenn wir Teil der Gemeinschaft sind, wird es uns möglich, die Auferstehung Jesu zu erleben.

Im zweiten Teil des heutigen Evangeliums geht es darum, wie Thomas eine persönliche Erfahrung mit dem auferstandenen Herrn machte, ebenfalls im Kontext der Gemeinschaft. „Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und….. meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht“ (Joh 20:25).

So musste Thomas acht Tage warten, um seine eigene „persönliche“ Erfahrung mit dem Herrn zu machen. Und Jesus gewährt ihm diese Möglichkeit. Acht Tage später lädt ihn der Herr ein: „Streck deinen Finger aus – hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite“ (Joh 20:27). Jesus tadelt Thomas nicht wegen seines Unglaubens, er macht ihm keine Vorwürfe, sondern er lädt Thomas ein, sich selbst zu überzeugen. Und fast liebevoll fordert er Thomas auf: Sei doch nicht länger ungläubig, sondern gläubig.

Und Thomas bricht aus: „Mein Herr und mein Gott“. Eine Aussage, die in den gesamten Evangelien noch nie zuvor zu hören war. Die wahre Frucht einer persönlichen Begegnung mit Jesus ist die Erfahrung von Jesus als dem Herrn und Gott! Und es ist auch eine der großen Glaubensverkündigungen in der Bibel.

Meine lieben Freunde in Christus, ist unser Glaube nur ein Glaube aus zweiter Hand? Bin ich Christ wegen meiner Eltern, wegen eines Priesters? Oder habe ich eine persönliche Erfahrung mit Jesus gemacht!

Die Wunde an der Seite Jesu erinnert uns an das Wasser und das Blut, das herausfloss, als Jesus am Kreuz durchbohrt wurde. Wasser und Blut stehen für die beiden Sakramente Taufe und Eucharistie. Diese beiden Sakramente ermöglichen  uns eine persönliche Erfahrung mit Jesus zu machen.

Und das Evangelium des heutigen Tages betont: Der Herr hat ein Herz auch für Thomas; er lässt diesen „ungläubigen Thomas“ sogar ganz nahe an dieses Herz heran – damit Thomas das Heil mit Händen greifen kann – und damit dieses göttliche Heil auch ihn selbst erreichen kann. Und wenn der Herr so liebevoll und barmherzig zu Thomas war, sollte er dann nicht auch uns mit diesem liebevollen Verständnis begegnen.

Meine lieben Freunde, unsere Glaubenszeugnisse mögen von der säkularen Welt um uns herum oft angezweifelt werden. Aber wir glauben… weil wir wissen, dass wir im Glauben an Jesus das Leben haben. Amen. 

Suandei nus per plascher sin: