Gedanken zum Palmsonntag, Lesejahr A (Mt 21:1-11)

von Pfr. Mathew Kurian disentis

Liebe Schwestern und Brüder, 

Mit dem heutigen Palmsonntag treten wir in die Karwoche an. In der Karwoche gedenken wir der Heilsgeschichte Gottes durch die Gedenkfeier des Leidens, Sterbens und der Auferstehung Jesu, die mit dem Palmsonntag beginnt und mit dem Ostersonntag endet. Am Palmsonntag feiern wir den triumphalen Einzug Jesu in Jerusalem als Retter und König.

Feierliche Prozessionen in unseren Pfarreien erinnern schon seit vielen Jahrhunderten an den Einzug des Herrn in Jerusalem. In diesem Jahr jedoch wird es wegen des Coronavirus keine Prozession geben. Die meisten von uns dürften aber die heilige Messe im Fernsehen betrachten und dadurch die Ereignisse, die am Palmsonntag stattfinden, geistig miterleben können.

Mit dem Palmsonntag ist immer auch die Hoffnung auf eine neue, endgültige Befreiung verbunden. Damals erwarteten die Juden, dass sich einmal zum Paschafest in Jerusalem der Messias zeigen und aller Unfreiheit ein Ende bereiten werde. Viele blicken mit dieser Hoffnung auf den Mann aus Nazareth, auf Jesus. Ist er der verheissene Befreier? Mit einer hochgespannten Erwartung begleiteten die Leute sein Kommen nach Jerusalem. Die Bibel sagt, dass die ganze Menge der Jünger freudig begann, Gott mit lauten Stimmen zu preisen: „Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn, Hosanna in der Höhe“ (Mt 21:9).

Zwei Prozessionen in Jerusalem!

Historiker und Bibelwissenschaftler erzählen uns, dass die Prozession Jesu nicht die einzige war, die um diese Zeit nach Jerusalem kam. Da war noch eine. Jesus kam von Osten nach Jerusalem. Auf der gegenüberliegenden Seite der Stadt trat Pontius Pilatus, der Gouverneur von Judäa, von Westen her ein. Es war eine übliche Praxis für den römischen Gouverneur und seine Truppen, zu grossen jüdischen Festen wie dem Passahfest nach Jerusalem zu kommen, nicht aus Respekt vor der religiösen Praxis der Juden, sondern um in Jerusalem zu sein, falls es Schwierigkeiten gab.

Die Prozession von Jesus ist eine Demonstration gegen die Prozession von Pilatus, und der Kontrast ist stark. Jesus ritt auf einem Esel nach Jerusalem. Pilatus ritt auf einem Kriegspferd, das eine Kavallerie anführte. Eine war eine Bauernprozession, die andere eine kaiserliche Prozession. Eine kam mit Anhängern, die andere mit Soldaten. Eine warf Mäntel und Äste nieder, die andere trug Waffen und Rüstungen. Eine demonstrierte politischen Protest, die andere politische Macht. Die eine war entwaffnet und gewaltfrei, die andere war bewaffnet und bereit für Gewalt. Zwei verschiedene Visionen für das Leben und die Welt kommen nach Jerusalem – das Himmelreich und das Königreich Cäsars. 

Aber hier ist ein Widerspruch: Der Herr reitet auf einem Esel und nicht auf einem Pferd. Das Pferd könnte auf einen militärischen, gewalttätigen Eintritt hinweisen. Also hat er absichtlich einen Esel ausgewählt, er macht einen bescheidenen Eindruck. Der Prophet Sacharja erinnert uns noch einmal: „Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin.“ (Sach 21:5). Der heilige Matthäus zitiert aus der Prophezeiung von Sacharja, um sicherzustellen, dass wir verstehen, was für ein König Jesus ist.

Warum wandte sich die Menge so schnell gegen Jesus?

In einer Woche begrüssten die Menschen Jesus und in der nächsten Woche forderten sie, dass er gekreuzigt werden sollte. Aber nicht jeder in Jerusalem begrüsste ihn; als er in Jerusalem einzog, geriet die ganze Stadt in Aufregung und man fragte: „Wer ist das?“ Doch bald wandten sich viele gegen Jesus und forderten seinen Tod: „Was soll ich dann mit Jesus tun, den man den Messias nennt?“, fragte Pilatus. Sie alle antworteten: Kreuzige ihn! (Mt 27:22). Dies waren nicht unbedingt die gleichen Leute, die ihn begrüsst hatten – aber die Umkehrung ist immer noch bemerkenswert. Waren sie enttäuscht, weil er sich weigerte, ein irdisches politisches Königreich zu errichten? Wahrscheinlich! Aber Jesus ist nicht gekommen, um ein neues politisches System aufzubauen. Er kam stattdessen, um unser Herz zu verändern und uns durch seinen Tod und seine Auferstehung von unseren Sünden zu retten.

Wenn die Leute „Hosanna“ riefen, begrüssten sie Christus als König. Dieses Wort bedeutet eigentlich „jetzt retten“ (Rette doch), weil sie in ihren eigenen Gedanken auf einen irdischen König warteten. Aber Gott hatte eine andere Art: Allen, die auf ihn vertrauen, die wahre Erlösung zu bringen. Jesus hat seine Botschaft erklärt: „Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wenn es von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen. .…. Mein Königtum ist nicht von hier“ (Joh 18:36). Dies enttäuschte die jenigen zutiefst, die hofften, dass Jesus als König sie nun vom Joch der Römer befreien würde. Möglicherweise haben sie auch seine Forderung, Busse zu tun, nicht gemocht.

Kein Kreuz, keine Krone!

An diesem Tag gedenken wir dem Gang Jesu zum Kreuz, die mit seinem Gang nach Jerusalem begann. Wir erinnern uns an unsere Rolle in seinem Leiden – unsere eigene Sündhaftigkeit. Das ist der zentrale Konflikt der Karwoche: der Palmsonntag des flüchtigen Triumphs, an dem Jesus die grosse Stadt Jerusalem betritt. Der nächste Ostersonntag ist ein weiterer Tag des Triumphs, ein dauerhafter Triumph.

Dazwischen liegt eine seltsame Mischung aus Freude und Schmerz, aus Trauer und Angst, die uns Menschen allen bekannt ist. Wir wünschen uns manchmal, das Leben wäre eine Schüssel voll von Kirschen, aber wir wissen nur zu gut, dass die Realität für viele oft genau das Gegenteil ist. Wir mögen so viel über Freude, Zufriedenheit und Frieden reden, wie wir wollen, aber nur der Dumme glaubt, dass Christen das Rezept für eine problemlose, goldene Zukunft haben. Wir nicht! Der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass das menschliche Leben – deins und meins – komplex, verwirrend und sogar mit extremer Not oder Traurigkeit erfüllt ist.

Meine lieben Freunde, lassen wir uns diese Probleme in der kommenden Woche gemeinsam mit Jesus durchleben. Es dient zu unserem eigenen Heil, wenn wir diese Situationen unseres Lebens durchstehen. Lass uns fühlen, wie Jesus sich fühlte. Lass uns denken, wie er dachte. Lass uns beten, während er betete. Es ist unser eigener Sieg, mit ihm in seinem Leiden, in seinem Tod und in seiner Auferstehung vereint zu sein.

Lasst uns das, was um uns herum geschieht, in Stille und Kontemplation verarbeiten. Es gibt Sinn und Zweck. Aus dieser traumatischen Situation wird mit Sicherheit eine grössere Weisheit hervorgehen. Gott braucht die menschliche Zusammenarbeit, um seinen Plan für die Menschheit auch heute noch zu verwirklichen.

Lasst uns in Hoffnung leben. Bleiben wir zusammen! Ich lade Sie herzlich dazu ein, weiterhin zu beten für die momentanen Anliegen und Probleme in dieser Welt. Amen.

Suandei nus per plascher sin: