Gedanken zum 5. Fastensonntag A (Joh 11:1-45)

von Pfarrer Mathew Kurian

Am 5. Fastensonntag schliessen wir die Trilogie der Anweisungen aus dem Johannesevangelium für Katechumenen ab. Die Evangeliumstexte der letzten beiden Sonntage konzentrierten sich auf Wasser (Joh 4) und Licht (Joh 9). Heute liegt unser Fokus auf dem Leben (Joh 11). Diese drei Erzählungen, die sich auf die drei Elemente konzentrieren, finden wir auch im Aufbau der Osternacht, die sich ja auch um Wasser, Licht und neues Leben drehen wird. Diese drei Elemente weisen einfach auf Christus hin, die Quelle des Lebens.

Das heutige Evangelium ist ein Zeichen, das Jesus gegeben hat, um seine Identität zu offenbaren: „Ich bin die Auferstehung und das Leben“ (Joh 11:25). Die Kirche erinnert uns daran, dass der Geist Gottes unserem sterblichen Körper Leben gibt. Derselbe Geist wird Christus am Ostertag auferstehen lassen. Er ist derjenige, der das Leben jedes Kindes Gottes verändert. So wie Jesus den toten Lazarus einlädt, sich zu neuem und reichem Leben zu erheben, lädt er auch uns ein: „Lazarus, komm heraus!“ (Joh 11:43).

Es gibt einige Dimensionen, die wir im heutigen Evangelium betrachten müssen.

Ausdruck der Liebe!

Der Evangelist Johannes macht sehr deutlich, dass Jesus Martha, Maria und Lazarus liebt. Jesus blieb bei ihnen, als er in Bethanien war. Eines Tages, als Lazarus krank war, sandten die beiden Schwestern eine Nachricht an Jesus: „Herr, dein Freund ist krank.“ Dies war nicht nur eine einfache Nachricht; es war ein Gebet. Jesus ist ihre letzte Hoffnung.

Die Realität der Menschheit des göttlichen Sohnes ist nirgends so leicht zu erfassen wie hier. Wir sehen jetzt die sehr menschliche Seite von Jesus. Jesu Liebe ist real und sein Leid über den Tod von Lazarus ist real. Als er sie alle weinen sieht, war er selbst berührt und tief bewegt. Und als er zum Grab ging, „da weinte er.“ Einige Leute kommentierten: „Seht, wie lieb er ihn hatte.“ Natürlich gab es die unvermeidlichen Zyniker, die fragten, warum Jesus Lazarus nicht am Sterben hindern konnte.

Sicherlich hätte Jesus Lazarus bereits aus der Ferne heilen können, wie er dies auch bei anderen Gelegenheiten getan hat. Ein Wort von Jesus hätte genügt und Lazarus wäre gesund geworden. Davon waren auch beide Schwestern fest überzeugt. Dennoch hat Jesus zugelassen, dass Lazarus stirbt. Das liegt nicht daran, dass er Lazarus nicht liebte. Diese Verzögerung war für die Geschichte von wesentlicher Bedeutung, damit „durch sie der Sohn Gottes verherrlicht werden” soll. Je länger Jesus blieb, desto grösser würde sich die Herrlichkeit Gottes durch das kommende Wunder manifestieren. Jesus will unser Augenmerk nicht auf Wunder lenken. Er will, dass wir durch Wunder seine Vollmacht als Gott erkennen.

Voraussetzung für Wunder!

Als Jesus das Haus erreichte, eilte Martha ihm entgegen, während Maria im Haus trauerte. Bei der Begegnung mit Jesus sagt Martha: „Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben“ (Joh 11:21-32).Sie hat grosses Vertrauen in Jesus und ist sich seiner Heilkräfte bewusst, aber wagt es nicht, darüber hinauszugehen.

Dann folgt ein schöner Dialog, den wir oft in Trauermessen verwenden: „Dein Bruder wird auferstehen“, sagt Jesus. „Ich weiss, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Letzten Tag“, antwortet Martha und bezieht sich auf den relativ jungen jüdischen Glauben an ein Leben nach dem Tod. „Ich bin die Auferstehung und das Leben“, sagt Jesus.

Dies ist die Kernaussage der ganzen Geschichte und eine der sieben grossen „Ich bin“ – Aussagen im Johannesevangelium. Und Jesus erklärt weiterhin seine Bedeutung: „Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt; und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben.“ Mit diesen Worten bekräftigt Jesus nicht nur, dass das Leben über das Grab hinausgeht, sondern auch, dass das Leben, das er gibt, hier und jetzt für alle beginnt, die seinen Weg annehmen und sich ihm vollständigangleichen. Dies war eine perfekte Gelegenheit, um den Glauben der Jünger zu stärken. 

Martha wird dann gefragt, ob sie das glaubt und sie antwortet grossartig: „Ja, Herr, ich glaube, dass du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.“ Hier ist ein grosses Glaubensbekenntnis einer Frau.

Lazarus, komm heraus!

Als Jesus am Grab ankam, befahl er, den Stein am Eingang zu entfernen. Das hat sicherlich Marthas Aufmerksamkeit erregt und sie hat dagegen protestiert. Da Jesus wusste, dass Martha immer noch nicht verstand, was er vorhatte, sagte er zu ihr: „Habe ich dir nicht gesagt, wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen?” Nachdem der Stein vom Eingang entfernt worden war, dankte Jesus dem Vater dafür, dass er sein Gebet erhört hatte. Danach rief Jesus mit lauter Stimme: „Lazarus, komm heraus!“

Zum Erstaunen aller tauchte Lazarus aus dem Grab auf, immer noch in Grabtücher gewickelt. „Seine Hände und Füsse waren mit Binden umwickelt, und sein Gesicht war mit einem Schweisstuch verhüllt.“ Lazarus lebte zwar, aber mit welchen Einschränkungen? Die Binden hinderten ihn am Gehen. Die Tücher raubten ihm die Sicht. Deshalb gibt Jesus den Auftrag: „Löst ihm die Binden und lasst ihn weggehen!“

Durch den Tod von Lazarus erkannten die Menschen, dass Jesus die Macht über Leben und Tod hat, dass er tatsächlich der verheissene „Messias“ ist. Viele, die die Auferstehung von Lazarus miterlebten, kamen zum Glauben an Jesus.

Nicht nur Lazarus ist auferstanden. Auch die beiden Schwestern sind von ihrem geistlichen Tod zu einem neuen geistlichen Leben erwacht. Der leibliche Tod kann nur unser menschliches Leben vernichten. Das ewige Leben erhalten aber alle Menschen, die an Jesus Christus glauben. (Röm 6:23) Jesus schenkt jedem, der an ihn glaubt ein ewiges Leben, ein Leben das über unser Sterben hinausreicht.

Liebe Schwestern und Brüder, nichts im Leben ist sicherer als der Tod. Dennoch fragen viele Menschen: „Was ist nach dem Tod?“ Warum überhaupt die Frage? Vielleicht wegen der Unsicherheit darüber, was dahinter liegt. Vielleicht, weil der Tod das Ende unserer Pläne und Bestrebungen im Leben ist. Oder vielleicht, weil wir die unumstösslichen Anzeichen unserer Sterblichkeit, nämlich Krankheit, Schmerz und Verschlechterung, einfach nicht akzeptieren können – physisch, emotional und psychisch.

Gott lässt in unserem Leben mancherlei zu, was wir nicht verstehen. Nicht immer sind unsere Pläne deckungsgleich mit Gottes Plänen. Durch den Propheten Jesaja lässt uns Gott kundtun: “Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege, Spruch des Herrn. So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken” (Je 55:8-9). Amen.

Suandei nus per plascher sin: